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Über die Ursachen - Sucht fällt nicht vom Himmel
Biologische und soziale Vererbung: Die Suchttheorie gibt es nicht Wer wird süchtig ?: Multifaktorielle Ansätze Die Trias der Entstehungsursachen: Mensch, Mittel und Milieu SuchtWunsch nach Rausch: Auf die Dosis kommt es an Was macht Menschen anfällig für Sucht? Gibt es so etwas wie eine Suchtpersönlichkeit?
Biologische und soziale Vererbung: Die Suchttheorie gibt es nicht
Auf die Frage, warum Menschen süchtig werden, gibt es bis heute keine eindeutige Antwort. Noch fehlt eine überzeugende Suchttheorie, die eine schlüssige Erklärung liefern könnte, wieso der Tanz auf dem Seil vielen zu gelingen scheint, einige dabei aber immer wieder abstürzen. Auch Biologen und Genforscher sind bis heute den Beweis schuldig geblieben, das Sucht genetisch bedingt, also erblich ist. In diesem Zusammenhang ist allerdings bedeutsam, daß man Enkephaline (körpereigenen Morphine) entdeckte. Sie machen es wahrscheinlich, daß es biochemische Prozesse im Körper gibt, die auf die Suchtentwicklung Einfluß nehmen. Anders als bei der biologischen Vererbung sprechen Verhaltensforscher und Soziologen von einer "sozialen Vererbung": Kinder und Jugendliche werden demnach in ihrem Verhalten wesentlich geprägt
von ihrer sozialen Umgebung
vom Modell der Eltern und Erwachsenen überhaupt.
Sie übernehmen und lernen beispielsweise das Verhalten, das sie dort erleben. Deutlich wird es am Beispiel der Kinder, die aus Suchtfamilien stammen. Für sie ist das Risiko hoch, ihrerseits suchtkrank zu werden.
Wer wird süchtig ?: Multifaktorielle Ansätze
Hinter der Frage nach den Ursachen und der Suche nach der Suchtpersönlichkeit steckt der Glaube, wenn man mehr über die Entstehung wüßte, könnte man die Sucht-Entwicklung besser vorhersehen, beziehungsweise ihr entgegenwirken. Wer wird süchtig?
"Sind es eher die Menschen, die eine genetische Anlage dazu haben, eine allgemeinen Suchtpersönlichkeit beziehungsweise bestimmten psychischen Störungen oder schlechten psychosozialen Bedingungen in der Biographie, mit traumatischen Erfahrungen, unbefriedigten Sehnsüchten oder bedenkenlosem Risikoverhalten, sind sie Opfer oder/und Sündenböcke einer Suchtgesellschaft, der gesellschaftlichen Ungleichheit und Ausgrenzung, des zugespitzten Leistungswettbewerbs, einer unbefriedigenden Beziehung oder einer krankmachenden Familiendynamik, der Verführung durch andere Menschen oder durch die Werbung der Orientierungslosigkeit im Wertepluralismus oder der modernen Vernunftorientierung“ oder sind es die sensibleren, phantasievolleren, kreativeren und daher verletzlicheren Menschen" (Peter Loviscach in: Stimmer)
Für alle diese unterschiedlichen Erklärungen gibt es eine Fälle von zum Teil widersprüchlichen, nahezu übereinstimmenden und sich wiederholende Theorien und Veröffentlichungen. Bewährt haben sich sogenannte multifaktorielle Erklärungsansätze. Sie gehen von einem Ursachenbündel aus. Dieses Ursachenbündel wird dabei als ein komplexes Geschehen definiert, in dem sich:
psychologische/psychogenetische,
somatische/genetische,
gesellschaftliche/soziogenetische und
drogenspezifische Faktoren gegenseitig beeinflussen.
Die Trias der Enstehungsursachen: Mensch, Mittel und Milieu
Eine der bekanntesten und akzeptierten Erklärungsansätze ist die "Trias der Entstehungsursachen der Drogenabhängigkeit" (nach Ladewig, 1979). In diesem Modell werden die Faktoren Mensch, Mittel und Milieu/Gesellschaft miteinander verbunden.
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Persönlichkeit/Mensch Er ist so alt wie die Menschheit: Der Konsum von sogenannten psychotropen Stoffen, also solchen, die Bewusstsein und Gefühl verändern können. Genauso lange versucht man schon in allen Kulturen, den Konsum gesellschaftlich zu regulieren und zu verbieten. Grundsätzlich gilt: Menschen neigen dazu, psychotrope Stoffe einzunehmen, um ihre Befindlichkeit und/oder Leistungsfähigkeit zu beeinflussen. Eine der bedeutendsten Wirkung von Suchtmitteln ist die der Euphorisierung. Diese Wirkung führt zu einem "Hochgefühl", läßt zum Beispiel aktuelle Stresssituationen aushaltbarer erscheinen. Zum Faktor Mensch in der Trias der Entstehungsbedingungen von Abhängigkeit gehören verschiedene Aspekte:
- die "Sozialisation" des Einzelnen, insbesondere die Entwicklung in der Kindheit (frühkindliches Milieu und sexuelle Entwicklung);
- die Familiengeschichte: welche Strategien wurden in der Familie erworben (gelernt), mit Konflikten umzugehen? Wurden Konflikte umgangen oder totgeschwiegen oder konstruktiv gelöst?
- wie ausgeprägt ist die Frustrationstoleranz, also, wieviel Frust kann jemand ertragen;
- die Fähigkeit, Uneindeutigkeiten (Ambiguitätstoleranz) auszuhalten und ebenso
- die Fähigkeit, Beziehungen und Freundschaften aufzubauen und zu unterhalten und sein Leben kreativ und zufrieden zu gestalten.
Droge/Mittel Eine der wichtigsten Faktoren dabei, wie Sucht entsteht, ist die sogenannte Zugänglichkeit (Griffnähe): Ohne Drogen keine Sucht. Weitere wichtige Faktoren, die hier eine Rolle spielen, sind Häufigkeit und Dauer des Konsums, ebenso Dosis, Art der Einnahme und Gewöhnung (Toleranzentwicklung).
Milieu/Gesellschaft Dazu gehören die individuelle soziale und familiäre Situation,
- ob eine zufriedenstellender Beruf vorhanden ist oder jemand im Gegensatz dazu arbeitslos ist,
- menschenwürdige Wohnverhältnisse,
- die Möglichkeit für zufriedenstellende Freizeitangebote und soziale Einbindungen in Nachbarschaft, Vereinen etc.
In gesellschaftlicher Hinsicht sind alle sozialen, kulturellen und politischen Aspekte gemeint:
- die allgemeine Wirtschaftslage,
- die Gesetzgebung;
- die für die jeweilige Gesellschaft gültigen Wertesysteme, zum Beispiel im Hinblick auf Konsumsitten, Leistungsanforderungen und -belohnungen. Welche Einstellung zu welchen Drogen ist opportun, beziehungsweise wird wie sanktioniert (einstellungsbedingte Toleranz)?
- Die Einflüsse von Werbung und Modeerscheinungen spielen ebenso eine wichtige Rolle, wie das Verschreibungsverhalten von Ärzten bei Medikamenten mit Suchtpotential (iatrogene Sucht).
Alle diese Aspekte der verschiedenen Faktoren der Entstehungstrias entfalten ihre mannigfache unterschiedliche Wirkung. Deutlich wird dabei, daß in diesem komplexen Geschehen die oben genannten Faktoren nicht im Sinne eines Ursache - Wirkungs - Mechanismus verstanden werden dürfen. Also: Diese Ursache hat immer diese Wirkung. Vielmehr beeinflussen sich die Faktoren gegenseitig in einem Wechselwirkungsverhältnis. Der einzelne Mensch trifft dann eine auf ihn passende Entscheidung. So führt zum Beispiel ein schlechter sozialer Status nicht zwangsläufig in die Sucht, er kann vielmehr zu starker Solidarität und einem positiven Zusammengehörigkeitsgefühl führen. Ebenso sind natürlich umgekehrte Prozesse möglich.
Wunsch nach Rausch: Auf die Dosis kommt es an
Dabei sollte eines nicht übersehen werden: Der Wunsch nach Rausch, nach Vergessen, nach Abheben, sich verlieren, raus aus dem Alltagsverdruss, die Sehnsucht nach dem "anderen", die (jugendliche) Neugier und Risikobereitschaft ist wahrscheinlich der entscheidende Antrieb für den Drogengebrauch. Sicher ist es richtig, das Drogen schaden, ja “töten“ aber: "Sola dosis facit venum “ Nur die Dosis macht das "Gift", wie es schon Paracelsus formulierte, der Erfinder der Opiumtinktur Laudanum, die beinahe 500 Jahre allen Mächtigen dieser Welt als Allheilmittel galt. Nicht die Droge ist´s, sondern der Mensch, der die Droge unsachgemäß anwendet und damit Probleme bekommt. Was also ist “richtig“ weiter rigoros verbieten oder liberalisieren, in der Hoffnung auf eine verantwortungsvolle Drogennutzung? Wahrscheinlich liegt die Wahrheit auch hier irgendwo in der Mitte - ein Krieg ist hier nicht zu gewinnen und ein Leben ohne Drogen pure Illusion. Hilfreich wäre eine politisch - pragmatische Vorgehensweise: Im Bereich der illegalisierten Drogen den Verbotsdruck zu vermindern, gleichzeitig politische Programme zu entwickeln, die die Belastungen von Kindern und Jugendlichen minimieren und die Entwicklung von Lebenskompetenzen und Bewältigungsstrategien fördern.
Literaturempfehlungen zum Thema:
Harten, Rolf, Röhling, Peter, Stender, Klaus-Peter: Gibt es eine Suchtpersönlichkeit? Neuland-Verlag Geesthacht, 3. Aufl. 1992
Hurrelmann, K. und Bründel, H.: Drogengebrauch“ Drogenmissbrauch. Eine Gratwanderung zwischen Genuss und Abhängigkeit. Darmstadt 1997
Ladewig, D. u.a.: Drogen unter uns. Medizinische, psychologische und juristische Aspekte des Drogenproblems unter Berücksichtigung des Alkohol- und Tabakkonsums, München 1979
Loviscach, Peter: Genese der Sucht, in: Stimmer, Franz: Suchtlexikon (erscheint im Frühjahr 1999)
Schneider, Ralf: Die Suchtfibel, München 1993
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